Welch ruchlose Tat! Der Geist der friedlichen Wettkämpfe zur Völkerverständigung wurde aufs Übelste entweiht. Das ist in 3000 Jahren Olympische Spiele einzigartig: Die Olympischen Ringe sind verschwunden. Nicht nur einer – nein alle! War das die Konkurrenz aus Rio oder womöglich ein anderes olympisches Zeltlager?

Unser kriminalistischer Scharfsinn zeigte bei der näheren Untersuchung der Befestigungselemente: abgeschnitten mit einem mäßig scharfen einseitig wirkenden Schneidewerkzeug, möglicherweise ein japanischer Walfischausweider oder die rituelle Tötungsklinge der alten Inka-Kultur. Oder eben ein Fahrtenmesser…

Da stellt sich natürlich die Frage: Wer macht denn so was? Wir waren noch dabei Inkas und Walfänger gegeneinander abzuwägen, als ein junger Sportler das Bekenner-Schreiben entdeckte. Worte und Buchstaben aus überörtlichen, aber deutschen Zeitungen ausgeschnitten, grammatikalisch nicht ganz einwandfrei aber im Sinn doch klar zu erkennen: Man sieht sich in Ehingen!

Was blieb uns denn anderes übrig, als den Tag frei von Wettkämpfen zu stellen und alles dran zu setzen, diese Freveltat zu sühnen. Leider ist der Weg nach Ehingen zu Fuß in der Kürze der Zeit nicht zu schaffen. Für unsere Jogger Micha und Benni sind die 20 km natürlich nur eine Frage von um die 100 Minuten, aber die Diskuswerfer und Kugelstoßer sind an solche Distanzen nicht gewöhnt. Spontan drängten wir uns in den Linienbus quer über die Lutherischen Berge und mussten dann nur noch die letzten 8 km zu Fuß gehen. In Ehingen angekommen und nach einem herzhaften Imbiss im Park fühlten sich alle gestärkt und bereit für die nächsten Schritte, die nun zwangsläufig folgen mussten. Und die waren selbstverständlich…
…arbeiten. Viel lieber hätten wir die frechen Diebe gefasst und vermöbelt, aber im Rahmen der friedlichen olympischen De-Eskalation und mangels anderer sich bietenden Möglichkeiten mussten wir halt irgendwie die geforderte Summe in Gold-Nuggets aufbringen. Das brachte unsere Olympioniken unversehens in Kontakt mit vielen interessanten Leuten. Es folgten Begegnungen und Aufgaben, um die man sonst vielleicht eher einen Bogen gemacht hätte. Doch schnell zeigte sich die skurrile Freundlichkeit unserer Unterstützer und dass „Arbeiten“ richtig Spaß machen kann.

Alles in allem hat uns dann die Auslösung unseres Olympiasymbols sogar noch einen richtig schönen Tag eingebracht. Bummeln, Shopping und ein Eis ließen uns die eigentlich für den heutigen Tag geplanten klassischen griechischen Kampf-Sportarten Boxen, Ringen, Stockfechten und Pankration leichten Herzens nach Rio abgeben. Schon im alten Griechenland kam es dabei nicht selten zu Verletzungen, sogar Todesfällen und darauf können wir hier gerne verzichten.

Nachdem unsere Sportler „Ihre“ olympischen Ringe glücklich wieder hatten, hielt sich auch das bis dahin freundliche Wetter nicht mehr zurück. Die Verfolgung der Ring-Diebe opferten wir unserem plötzlich neu erwachten Interesse daran, trocken zu bleiben und den Linienbus zurück nach Erbstetten zu bekommen.

Ein warmes Abendessen hieß uns im Olympischen Dorf schmackhaft willkommen. Aufgeboten wurde der schwäbische Hit: Linsen mit Spätzle und Saitenwürstchen.
Unter gleichmäßig heimeligen Regenrauschen schmausten die ausgehungerten Sportler bis nach Einbruch der Dämmerung.

Eine lange Gute-Nacht-Runde beschloss diesen ereignisreichen, aber völlig wettbewerbslosen Tag. Immerhin hängen die olympischen Ringe wieder an ihrer angestammten Stelle und wir werden sie in den nächsten Nächten besser bewachen!