Er war zum Symbol unserer gemeinsamen Arbeit hier in Ägypten geworden. Seit wir beim Vortreffen sogar die darin wohnende Mumie kennenlernen konnten, verbindet uns viel mit unserem Sarkophag. Um so größer war der Schock, als er heute morgen einfach nicht mehr da war. Für uns schlimm genug, aber eine Katastrophe für die arme Mumie. Sie war ja nun nicht nur ihrer Heimat beraubt, sondern auch ihrer Schafstätte. Und ihr Mumienschlafsack und das Kuscheltier fehlten natürlich auch.
Nun sind Mumien ja sowieso ein bisschen empfindlich. Eh nur durch Binden zusammen gehalten fällt da schnell mal was ab, was bei uns noch fest angewachsen ist. Und wenn Mumien nicht mehr zur Ruhe kommen können, dann werden sie immer schwächer und lösen sich schließlich auf. Als wir diese verzweifelte Lage verstanden hatten, war‘s natürlich Ehrensache „unserer“ Mumie beizustehen – aber wie?

Zum Glück hatten unsere Einkäufer Olli und Dani einen Tipp parat: In der Martinskirche Münsingen ist gerade große Ägypten-Ausstellung – vielleicht kann man da mal nachfragen wegen einem Leih-Sarkophag. Zumindest wird auf den Plakaten mit originalen Exponaten geworben.

Aber kann man einer müden, schwachen, mürben  Mumie diesen weiten Weg zumuten? Einen Autotransport lehnte sie rundweg ab, Pferdekutsche hatten wir keine. Allenfalls einen Bollerwagen. Würden unsere Jungs und Mädchen diesen Kraftakt schaffen – 12 Kilometer bergauf und bergab über schlecht befestigte Wanderwege? Wenn alle zusammen anpacken, dann gehen auch kleine Wunder…

Gestärkt durch ein kräftiges Wandervesper erreichte unsere seltsame Karawane die Stadt während unser Passagier immer schwächer wurde. Schließlich ging nichts mehr, auch nicht liegend im Bollerwagen. Am Rathausplatz war Endstation. Dafür kamen die ausgeschwärmten Kundschafter mit einer brandheißen Info zurück: Vor der Martinskirche lehnt unser Sarkophag angekettet an einem Baum direkt beim Eingang. Die Umstände blieben so duster wie die Grabkammer in einer Pyramide, aber eines war klar: Der Sarkophag muss zur Mumie geschafft werden, wie der Berg zum Propheten – bei etwa gleicher Schwierigkeitsstufe.
Nachdem unsere findigen Forscher die Zahlenkombination der Kette und damit dieselbe geknackt hatten, stellte sich nur noch das Transportproblem. Die enormen Kräfte, die dazu notwendig sind, ein derart gewichtiges Artefakt zu transportieren, erfordern Zugseile aus Schafswolle, am besten frisch geschoren. Und dann müssen wieder alle mit anpacken!

Damit war die Kiste save und der Sarkophag wurde mit vereinten Kräften quer durch Münsingen expediert. Eine bessere Werbung hätte sich die Ägypten-Ausstellung gar nicht wünschen können. Außerdem konnten wir mit den Veranstaltern vereinbaren, dass der „belebte“ Sarkophag nach unserer Expedition als Leihgabe zum Highlight der Ausstellung wird. So sehen win-win-Situationen aus! Unser „win“ war der Heimweg – luxushalber im Bus.

Auch unsere Mumie hatte übrigens ihren „win“: Sie ist inzwischen wieder so kräftig, dass sie bei der Ägypten-Ausstellung in Münsingen künftig die Löcher in die Eintrittskarten machen wird.

Weisheit von vorgestern, aktualisiert kurz vor Mitternacht:
„… und bei Gewitter ist die Attraktivität der Oase noch geringer.“